Tages Anzeiger, 3. Mai 2008

Bachs Markus-Passion - Konzert vom 1. Mai 2008 im Rahmen der 2. Zürcher Bachtage

Zürich, Grossmünster. – Was in Schwarzenberg oder Halle Tradition und Erfolg hat, das soll es auch in Zürich geben: Am Donnerstag wurde mit einem Liederabend von Scot Weir in der Alten Kirche Witikon die zweite Zürcher Schubertiade eröffnet;

am gleichen Tag gingen auch die Internationalen Bach-Tage Zürich in die zweite Runde. Gemeinsam ist den beiden neuen Festivals eine undogmatische, facettenreiche Programmgestaltung; neben Konzerten gibt es öffentliche Meisterkurse, lokale Ensembles treffen auf internationale Namen, und mit Blues für Schubert respektive Bachs Goldberg-Variationen auf Akkordeon sucht man neue Wege.

In diese Vielfalt passt auch ein Werk, das es gar nicht (mehr) gibt: Das Bach Collegium Zürich präsentierte im gut besetzten Grossmünster Johann Sebastian Bachs 1731 in Leipzig aufgeführte, aber längst verschollene Markus-Passion in der Rekonstruktion von Andor H. Gomme. Bach hatte dafür Arien und Choräle aus anderen Werken übernommen, die zumindest teilweise identifizierbar sind; die Rezitative und Turbae-Chöre hat Gomme (im Unterschied zu Ton Koopman, der das Fehlende in der wohl bekanntesten Neufassung nachkomponiert hat) aus der Markus-Passion des von Bach geschätzten Reinhard Keiser übernommen.

Das Bach Collegium Zürich unter Bernhard Hunziker sang das Resultat mit akkuratem Schwung, mit einer guten Balance zwischen den Stimmen und zunehmend variabler Dynamik; das ad hoc zusammengestellte Barockorchester mit Konzertmeisterin Chiara Banchini fand abgesehen von ein paar Stolperern einen zügigen, frischen Ton; und unter den unpathetisch gestaltenden Solisten trug vor allem Jens Weber als Evangelist viel zur Lebendigkeit der Aufführung bei.

Das ändert allerdings nichts daran, dass Gommes Rekonstruktion nicht wirklich überzeugt. Sie leistet kaum mehr, als Werke zu mixen, die einzeln wohl stimmiger wirken würden (das Bach Collegium hat es mit der Trauerode BWV 198, aus der Bach die meisten Stücke übernommen hatte, bereits einmal vorgeführt; und Keisers Markus-Passion ist weit mehr als ein nützliches Materialdepot). Dazu kommt, dass Gommes Version harmonisch zuweilen sehr eigenwillige Übergänge zwischen den Bach- und den Keiser-Teilen enthält. Dass er auf die Originaltonarten gesetzt hat, wirkt bei einem solchen Unterfangen unnötig puritanisch – und auch historisch gesehen fragwürdig. Immerhin konnte der Chor so vorführen, wie sicher er auch heikle Einsätze meistert.

Susanne Kübler
Tages Anzeiger, 3. Mai 2008

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