NZZ - 3. Mai 2008

«Merlot und Cabernet» - Bachs Markus-Passion im Grossmünster

Von Johann Sebastian Bachs Markus-Passion ist nicht eine einzige Note überliefert. Es ist aber nachgewiesen, dass Bach am Karfreitag 1731 in Leipzig eine Passionsmusik nach dem Evangelisten Markus aufgeführt hat. Und auch der Text ist überliefert; er stammt von Christian Friedrich Henrici alias Picander, der auch das Libretto zu Bachs Matthäus-Passion verfasst hat.

In der Forschung ist man sich einig, dass Bach seine Markus-Passion grösstenteils nach dem sogenannten Parodieverfahren komponiert hat, dass er also bereits existierende Werke und Sätze umgearbeitet hat.

Auf dieser Basis sind im Lauf der Zeit schon etliche Rekonstruktionsversuche vorgelegt worden. Einer von ihnen stammt vom englischen Musiker Andor H. Gomme. Seine Rekonstruktion erschien 2004 im Bärenreiter-Verlag. Die Bearbeitung greift bei den Chören und Arien vorwiegend auf Bachs Trauerode BWV 198 sowie auf Kantatensätze zurück und wählt die Choräle aus der Sammlung aus, die Carl Philipp Emanuel Bach zusammengestellt hat. Den Evangelienbericht und die Volkschöre entlehnt sie aus der Markus-Passion von Bachs Zeitgenossen Reinhard Keiser. «Das ist», kommentiert der Dirigent Bernhard Hunziker, «als ob man Merlot und Cabernet miteinander mischen würde, nämlich ein Verschnitt.»

Hunziker hat die Gomme-Bearbeitung am Auffahrtstag im Rahmen der 2. Internationalen Bach-Tage Zürich mit dem Chor und dem Orchester des Bach-Collegiums Zürich im Grossmünster aufgeführt. Dass die rekonstruierte Passion nicht aus einem Guss ist, merkte man nicht nur am stilistischen Gefälle, sondern auch an den Schnittstellen zwischen den keiserlichen Rezitativen und den bachschen Chorälen, die tonartlich selten aufeinander abgestimmt sind. Auf der interpretatorischen Ebene jedoch stand die Zürcher Erstaufführung dieser Rekonstruktion auf einem hohen Niveau. Grosse Aufmerksamkeit schenkte Hunziker der zentralen Schicht der sechzehn Choräle, denen der Chor mit einem reichen Reservoir an emotionalem Ausdruck begegnete. Das von der Konzertmeisterin Chiara Bianchini angeführte Barockorchester, das gelegentlich mit den Tücken der Kirchenakustik zu kämpfen hatte, machte sich namentlich in den Arien mit reifen Leistungen bemerkbar. Jens Weber als Evangelist, Florian Engelhardt als Jesus, die Sopranisten Marni Schwonberg und der Altus Alex Potter zeigten sich als stilsichere Interpreten. Und auch die Soliloquenten aus dem Chor schlugen sich tapfer.

Thomas Schacher
Neue Zürcher Zeitung, 3. Mai 2008
Konzert vom 1. Mai 2008 im Rahmen der 2. Zürcher Bachtage

Bach Collegium Zürich
Kirchgasse 17
CH-8001 Zürich

Tickets:
Webshop
+41 79 209 81 81

Kontaktformular
E-Mail

Postkonto 87-299690-2

Das Bach Collegium Zürich wird unterstützt von

die mobiliarernst goehner stiftungstadt zuerich kulturkanton zuerich fachstelle kultur