NZZ - 29. November 2011

Einstimmung - Bachs Weihnachtsoratorium

Das Timing stimmte perfekt: Kaum war das samstägliche Läuten der städtischen Kirchenglocken verklungen, da begann im Grossmünster der zweite Teil des Konzerts des Bach-Collegiums Zürich mit dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach.

Doch während die Glocken erst die Adventszeit einläuteten, erklang drinnen in der Kirche bereits die Musik, die Bach für die Weihnachtsfeiertage, Neujahr, den Sonntag nach Neujahr und Epiphanias komponiert hatte. Wen diese Vorwegnahme nicht störte, konnte eine Darbietung erleben, die sich auf einem hohen Niveau bewegte.

Eine Gesamtaufführung des Weihnachtsoratoriums mit ihrer Spielzeit von gut drei Stunden fordert sowohl die Ausführenden wie das Publikum. Es erwies sich einmal mehr, dass die Kantaten vier bis sechs, welche die Darbringung Jesu im Tempel und den Besuch der Weisen aus dem Morgenland thematisieren, weniger populär sind als die ersten drei Kantaten, die das zentrale Ereignis der Geburt Christi enthalten. Den sechs Kantaten des Oratoriums eignet auch nicht eine musikalische Dramaturgie, die die Spannungskurve auf das Ende hin ansteigen lassen würde. Zudem schien das Bach-Collegium unter der Leitung von Bernhard Hunziker im zweiten Teil unter Ermüdungserscheinungen zu leiden. Und ausgerechnet beim Schlusschoral patzten die drei Trompeten mehrfach.

Doch insgesamt gefiel das Orchester des Bach-Collegiums, das auf historischen Instrumenten spielte, durch hohe Kompetenz und kammermusikalische Wendigkeit. Freude bereiteten insbesondere die Solovioline der Konzertmeisterin, die vier Oboen und die wendige Generalbassgruppe. Unter den Vokalsolisten gehört die Palme dem Tenor Andreas Weller, der die Rolle des Evangelisten mit selten gehörter Geschmeidigkeit vortrug und auch bei den Arien eine starke Präsenz aufwies. Der Bass von Dominik Wörner zeichnete sich durch eine Kraft aus, die jede Wendigkeit zuliess. Die lyrische Stimme von Muriel Schwarz wurde von ihm im Duett «Herr, dein Mitleid» etwas in den Hintergrund gedrängt, und in ihrer Arie «Nur ein Wink von seinen Händen» vermisste man Angriffslust. Wärme strahlte die Altstimme von Ulrike Andersen aus, eine ideales Timbre für das Wiegenlied «Schlafe, mein Liebster». Fungierte der Dirigent bei den Soloarien mehr als Koordinator, so holte er aus den vierzig Sängerinnen und Sängern des Bach-Collegiums ein breites Ausdrucksspektrum heraus. Jeder Choral erhielt den zu ihm passenden Charakter, und die grossen Eingangschöre der Kantaten erstrahlten in prächtigem Glanz.

Zürich, Grossmünster, 26. November 2011.
Thomas Schacher
NZZ vom 29.11.2011

Bach Collegium Zürich
Kirchgasse 17
CH-8001 Zürich

Tickets:
Webshop
+41 79 209 81 81

Kontaktformular
E-Mail

Postkonto 87-299690-2

Das Bach Collegium Zürich wird unterstützt von

die mobiliarernst goehner stiftungstadt zuerich kulturkanton zuerich fachstelle kultur